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What’s your beef #1: Warum Agiles Projektmanagement auch nach Ihrem Geschmack sein könnte

Agilität und Agiles Projektmanagement (APM) sind zur Zeit „top-notch“. Die beiden Begriffe erobern den Arbeitsalltag und sind starke Symbole der Digitalen Transformation oder zumindest dafür, dass man die Transformation angeht. Nach dem Motto: Wer Projekte agil durchführt, befindet sich mitten in der Transformation und ist ganz vorne mit dabei – Methodik vor Output. So scheint es zumindest. Das kann jedoch nicht alles sein.


 

Doch was ist das Geheimnis von agilen Methoden? Worin besteht die „Magie“, die sie ausstrahlen, und vor allem: Was bringt Agilität wirklich? Und sollte man als Auftraggeber einerseits und als Agentur andererseits auf den Agilitätszug aufspringen?

Klare Antwort: Ja, sollte man. Vor allem, wenn man bald nicht nur noch die Rücklichter der Konkurrenz sehen möchte. Das gilt für beide oben genannten Organisationsgattungen.

Doch der Reihe nach. Soviel dunkle Wolken müssen nicht sein, wenn man Agilität richtig einzuschätzen und vor allem einzusetzen weiß, Vor- und Nachteile abgewogen hat und sich bewusst dafür oder dagegen entschieden hat.

Das Thema „Agiles Projektmanagement“ stammt aus den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts und hat seinen Ursprung in der Software-Entwicklung. Konkrete Begriffe, die das Ganze zusammenfassen, gibt es erst seit Beginn der “Nuller-Jahre“. Wahrscheinlich, weil zu diesem Zeitpunkt die New Economy ihren Peak hatte und damals eine Menge neuartiger Software entwickelt wurde (Interaktive Web-Anwendungen, Content Management Systeme, Unified Messaging Dienste, Ad Server etc.). Zwei der prominentesten Methoden des APM sind Scrum und Kanban. Sie definieren konkrete Vorgehens- und Arbeitsweisen in Projekten und legen die Prinzipien fest, nach denen gearbeitet wird. Außerdem gibt es das sogenannte Agile Manifest, welches die grundsätzlichen Rahmenbedingungen von APM festlegt; z. B. „Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge“ oder „Die Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als die Vertragsverhandlung“.

Man spürt sofort, dass auch eine Portion Idealismus darin steckt, und das ist gut zu wissen für das Verständnis von APM.

Fast Food mit einem Twist

Bei APM-Projekten ist es wichtig, schnell zu Ergebnissen zu kommen und diese gegebenenfalls wieder zu verwerfen oder zu modifizieren, anstatt sich wochenlang im stillen Kämmerchen zu vergraben und an der „perfekten Lösung“ zu arbeiten – die es dann möglicherweise gar nicht mehr ist. Vereinfacht ausgedrückt, bestehen Projektprozesse im agilen Bereich aus Iterationen und Inkrementen. Je nach Methodik kommen auch andere Begriffe ins Spiel. Bei Scrum sind dies z. B. „Releases“, „Sprints“ und „Backlogs“. Durch die Sprints wird ein Projekt in kleine Sinneinheiten unterteilt, beispielsweise wird ein Projekt anhand von zweiwöchigen Sprints definiert. In diesen Einheiten werden User Stories entwickelt, die am Ende der zwei Wochen dem Auftraggeber, z. B. in Form eines Inkrementes, nennen wir es der Einfachheit halber „Prototypen“, zur Verfügung gestellt werden. Anhand der Backlogs werden Änderungen daran festgehalten, während schon im nächsten Sprint an anderen Tasks entwickelt wird. Ein Projekt wird also in viele kleine Teilaufgaben unterteilt, die separat betrachtet, entwickelt und modifiziert werden können. So wird Komplexität deutlich reduziert. Allerdings ist die zeitliche Komponente relativ schwer zu fassen. Neben den Prozessen bestehen agile Projekte vor allem aus dem (menschlichen) Projektteam, in dem die Rollen fest verteilt werden: z. B. bei Scrum das Entwicklungsteam, Product Owner, Scrum Master und weitere Stakeholder. Der Product Owner ist am ehesten mit dem herkömmlichen Projektleiter zu vergleichen.

Neben der oben erwähnten Portion Idealismus, die in den agilen Projekten steckt, ist die Portion Emotionalität, die dort ebenfalls vorzufinden ist, nicht zu unterschätzen, denn: APM zieht gerade von der IT in das Marketing um, also salopp gesagt von der Software-Ecke in die Kommunikations-Ecke. Man könnte auch von einem Paradigmenwechsel sprechen. Es wird viel über das Thema gesprochen, weil die Digitale Transformation gerade das Top-Thema ist und APM gefühlt ein wichtiger Baustein der Digitalen Transformation ist. Die wenigsten Marketing-Projekte werden derzeit nach den agilen Prinzipien durchgeführt. APM wird zunehmend in Projekten gefordert, ohne genau zu wissen, warum und mit welcher Zielsetzung. Diesen Weg muss jedes Unternehmen für sich finden und gehen, und das ist nicht so einfach in Organisationen, die eine gewisse Größe haben und in denen Projekte bisher nicht nach solchen Prinzipien durchgeführt wurden. APM hat sehr viel mit kulturellen Fragen im Unternehmen zu tun, viel mit einer Art Selbstfindungsprozess, im Verlaufe dessen alte Zöpfe abgeschnitten und herkömmliche, durchaus bewährte Prozesse neu gedacht werden (müssen). Das macht den disruptiven Charakter von APM aus und deshalb steht APM auch für die Digitale Transformation.

Das Dumme bei APM: Es ist nicht immer augenscheinlich, warum überhaupt agil gearbeitet werden sollte, da der Nutzen von APM in der Zukunft liegt und nicht kurzfristig nachgewiesen werden kann. Außerdem ist es immer einfacher und bequemer, auf Bewährtes zu setzen, anstatt alles in Frage zu stellen und neu zu denken. Bei aller Euphorie ist festzustellen, dass, auf den Healthcare-Marketing-Bereich bezogen, noch keine wirklichen positiven Auswirkungen von APM zu spüren sind, weil es einfach noch nicht genügend Projekte gibt, die auf diese Art durchgeführt werden oder wurden. Was noch fehlt, ist der klare Vergleich von herkömmlich und neuartig durchgeführten Projekten.

Mit anderen Worten: Das Bauchgefühl sagt, dass gerade etwas ganz Großes entsteht. Man weiß aber nicht so richtig, warum. Die harten Fakten liegen noch nicht auf dem Tisch. Ich habe vor kurzem den Test gemacht: Ich habe in meinem Netzwerk auf LinkedIn die Frage gepostet, ob jemand etwas zu agilen Projekten sagen könne, ob Erfahrungswerte existieren und ob Projekte besser oder schlechter laufen. Fazit dieses Postings: ca. 500 Personen haben sich ihn angesehen, aber ich habe keinen Kommentar erhalten. Ein User hat mir lediglich einen Berater für agile Projekte empfohlen.

Um dieses diffuse Bauchgefühl zu beseitigen und APM ein Stück weit zu „entzaubern“, und zwar im positiven Sinne, habe ich in den folgenden Beiträgen einige Feststellungen, Beobachtungen und Meinungen zusammengetragen.

 

Dieser Beitrag ist der erste Bissen des dreiteiligen Artikels “What’s your beef? Warum Agiles Projektmanagement auch nach Ihrem Geschmack sein könnte”. Appetit auf den zweiten Bissen?

Thilo Kölzer ist Vorstandsmitglied und Verantwortlicher für Digital & Mobile, Performance Marketing und Internet-of-Things bei der antwerpes ag.