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Creative Output

Und der Mensch heißt Mensch …

Trends, Learnings und Aha’s der Awwwards. Conf 2019 in Amsterdam

… „weil er lacht, weil er lebt“. Wenn die größten Talente im internationalen Design aufeinander treffen, dann klingt diese Zeile aus Herbert Grönemeyers 2000er Hit beinahe wie eine Hymne auf die aktuellen Entwicklungen im User Experience Design.
Um mutige Ideen und Visionen vorzustellen und zu diskutieren, kamen Mitte Februar über 900 Designer und Entwickler in Amsterdam zusammen. Auf der zweitägigen Awwwards. Conf 2019 feierten sie die außergewöhnlichsten Webprojekte der letzten 12 Monate und spekulierten über wegweisende Digital-Trends der kommenden Jahre.


Die Macher der Awwwards. Conf nennen ihre Besucher „Digital Dreamers“. Und so überrascht es wenig, dass ein zentraler Trend der Konferenz das Abtauchen in spannende, neue Welten war. Immersive Erfahrungen durch VR und AR oder virtuelle Assistenten und künstliche Intelligenzen – das vereinten die meisten Gewinner der abschließenden Preisverleihung. Und weiter? Geht es nach den Speakern wird 2019 ein spannendes Jahr voller visueller Widersprüche im Digital Design: Unkonventioneller Brutalismus trifft auf pure Typo-Ästhetik, explosive Bildwelten konkurrieren mit feinen Illustrationen und grelle Farbverläufe im Stil der 80er kämpfen gegen jede Menge White Space. Vor allem aber fiel auf, dass die Gespräche immer wieder um ein Thema kreisten: Human-Centered Design.

Awwwards Human

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Begriff Human-Centered Design lässt kurz aufhorchen. Ist es nicht selbstverständlich, dass für Menschen gestaltet wird? Doch steht der Ausdruck für einen Perspektivwechsel im Designprozess – „Human“ ersetzt „User“. So offensichtlich der Gedanke für Menschen zu designen zunächst scheint, so wenig wird dieser im normalen Tagesgeschäft berücksichtigt. Zu häufig steht noch das reine Produkt im Mittelpunkt, ungeachtet der echten Bedürfnisse des Adressaten. Zu oft wird für eine graue Masse gesichtsloser Nutzer designt und nicht darüber nachgedacht, dass nicht jeder oder jede den gleichen Zugang zu einer Website hat.

 

Ist das Design nach Inklusionsprinzipien umgesetzt, bietet es etwa im Web die größtmögliche Accessibility und stellt so eine Bereicherung für alle dar. Die gehörlose Interaction-Designerin Marie van Driessche brachte dies in ihrem inspirierenden Talk in Amsterdam auf den Punkt: „Design for deaf people, for everyone actually“. Das beste Beispiel sind untertitelte Videos, die ursprünglich für Gehörlose gedacht waren. Von ihnen profitieren nun alle mobilen Nutzer in den sozialen Netzwerken, die automatisch startende Videos mit Ton im Newsfeed als zu nervig empfinden. Untertitel werden bewusst als grafisches Stilmittel im Video-Advertising eingesetzt, um so lautlos die maximale Aufmerksamkeit zu erzielen.[1] Und das ziemlich erfolgreich. Denn laut van Driesche werden Untertitel rein vertonten Videos vorgezogen und doppelt so häufig angeklickt.[2]

Fragen statt vermuten

Für eine gelungene Umsetzung ist aber auch der Austausch mit meiner Zielperson in allen Schritten des Designprozesses essentiell. Bleibt man beim Design für Gehörlose stellt sich hier etwa die Frage, welches Bild Hörende sich denn schon von einer Welt ohne Töne und Musik machen können. Marie van Driessche erwähnte zum Beispiel innovative Ideen wie intelligente Handschuhe, die Zeichen- in Lautsprache übersetzen. Doch wurde hier außer Acht gelassen, dass Mimik und Proxemik elementare Bestandteile von Zeichensprache sind, die der Handschuh nicht an den Fingern erfassen kann. Besonders beim Physical Computing, aber auch beim Design in 2D gilt es also, den individuellen Bedarf der Persona zu erfassen und die vermeintliche Problemlösung kritisch zu hinterfragen.

UX Design Process

Im UX Design Prozess von antwerpes ist dies bereits implementiert. Denn wir verfolgen interdisziplinär das Ziel, innovative Lösungen für Menschen und ihre ganz persönlichen Bedürfnisse zu entwickeln. Unser Workflow ist als agile Arbeitskultur zu verstehen, die in jeder Projektphase durch eine transparente Kommunikation, regelmäßige Tests und eine vollständige Dokumentation gelebt wird. Wichtig hierbei ist das gemeinsame Grundverständnis im Projektteam: Probleme sind Chancen für Veränderungen und Fehler tun weh – sind aber sinnvoll.

 

Sein eigenes Produkt lieben

Nur Hand in Hand und in stetigem Austausch, sowohl team-intern als auch mit der Zielgruppe und dem Kunden, entsteht ein Design, das man auch selber liebt. Dies wurde auch auf der Awwwards. Conf 2019 postuliert: Das „Minimum Lovable Product“ muss das „Minimal Viable Product“ ablösen. Anstatt ein Produkt zu entwerfen, das die geringsten Ansprüche einer größtmöglichen Masse erfüllt, wird etwas entwickelt, das die maximale Zuneigung meiner kondensierten Kernzielgruppe weckt. Und dann gilt der Grundsatz: „Solve for one, extend to many!“[3]

Das Endergebnis? Websites wie zum Beispiel spastikinfo.de oder dystonieinfo.de, die nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch ganz auf die Zielgruppe zugeschnitten sind. Im Auftrag von Merz Pharmaceuticals hat antwerpes alle Inhalte weitestgehend barrierefrei und mit Vorlesefunktion umgesetzt. So bieten die beiden Plattformen eine sehr gute Möglichkeit sowohl für Patienten als auch für Angehörige, sich mit der jeweiligen Krankheit und dem Leben mit dieser auseinanderzusetzen.

Bei den Projekten wurde klar: Für jedes Element muss entschieden werden, wie man Informationen sinnvoll und anwendergerecht präsentiert und strukturiert und wie man klar mit Sprache und Visuals kommuniziert. Gleichzeitig muss aber auch eine individualisierte und empathische Ansprache gegeben sein – Stichwort Microcopy – schließlich kommunizieren wir mit einer Person und nicht mit einer Maschine.

 

MERZ Spastikinfo

Ich packe meinen Awwwards-Koffer und nehme mit …

Was bedeutet das für uns? Der Patient und die Erfüllung seiner individuellen Bedürfnisse werden auch 2019 mehr denn je im Fokus unserer Arbeit stehen. Die größte Herausforderung wird dabei sein, nachhaltige Erlebnisse zu schaffen, die nicht den Kunden glücklich machen, sondern glückliche Kunden schaffen.2 Wir sind zuversichtlich, das mit unserem einfachen, aber agilen UX Design Prozess zu schaffen, gespickt mit frischer Inspiration aus Amsterdam.

 

 

Und was nehmen wir sonst noch mit? Neue Kontakte, zum Beispiel aus Neuseeland, interessante und inspirierende Gespräche, Händevoll innovativen Merchandise und jetzt schon große Vorfreude auf die nächste Awwwards. Conf, die schon vom 8. bis 10. Mai diesen Jahres in San Francisco stattfinden wird! Viel Zeit bleibt uns Digital Dreamers also nicht zum Durchatmen …

Über die Autoren

Lutz Henrich ist Teamleiter in der Design-Unit der antwerpes ag. Als Head of UX Design entwickelt er zusammen mit seinem Team nutzerzentrierte Problemlösungen.
Carolin Siebert ist Redakteurin im Bereich Corporate Communications der DocCheck AG.

[1] vgl. https://onlinemarketing.de/news/facebook-videos-ohne-sound-werbung
[2] vgl. Marie van Driessche: https://vimeo.com/254681459
[3] Zitat von Dharmesh Shah
Bildquelle Header: © Alexandr Ivanets, Stocksy United